|
Um vieles in unserer Familiengeschichte zu verstehen, muss ich etwas weiter ausholen.
Laut Erzählungen meiner Mutter hatte mein Vater , geboren 1902 in einem kleinen ostpreussischen Dorf keine freie Berufswahl. Er musste das lernen, was der Gutsbesitzer anordnete. So wurde er Bäcker. Als er die Lehre beendet hatte, verkaufte er sein Fahrrad und folgte seinen Brüdern in den Westen. Ruhrpott und Wiesbaden. Die beiden Brüder lernten auf einer Tanzveranstaltung in Wiesbaden Biebrich meine Mutter kennen und schwärmten ihr von einer Reisetätigkeit vor. Meine Mutter war begeisterungsfähig und bereit, mit ihnen über die kleinen Dörfer der Eifel, Mosel und Westerwald zu ziehen. Sie sammelte Hüte ein, die sollten umgefärbt werden! Keine Bauernfängerei.
Meine Mutter war zu der Zeit einem Forsteleven versprochen, der ihr auch schrieb, dessen Briefe sie aber nie erhielt, weil mein Vater sie unterschlug. Sie wohnten während ihrer Reisetätigkeit in kleinen Gasthöfen und Hotels, so das es für ihn kein Problem gab, die für sie bestimmte Post abzufangen. Er gestand ihr das später, als sie verheiratet waren.
Die Zeiten, die 20iger Jahre waren schlecht und jungen Leuten blieb nur der Weg in die Selbständigkeit offen. Beide hatten den Mut dazu!
Mein Vater war evangelisch und meine Mutter streng katholisch erzogen. Einer ihrer Brüder war sogar mit einer Aussteuer – wie seinerzeit üblich – ins Kloster gegangen! Weil er mit der dortigen Handhabung verschiedener Dinge nicht einverstanden war, meldete er sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz und lies dort sein Leben.
Die anerzogene Frömmigkeit und Gläubigkeit in der Familie wurde durch den Beichtvater meiner Mutter zunichte gemacht, so Das meine Mutter sich schweren Herzens evangelisch trauen ließ.
Die Abtrünnigkeit empfand sie in späteren Jahren als Strafe, als ihre Ehe anders verlief, als sie es sich erträumt hatte.
1926 Muss - Ehe
1. Kind, 
1928 Geburt des Wunschkindes, 
1929 erneut eine Schwangerschaft, 
von der die Ärzte aus gesundheitlichen Gründen abrieten,
1930 Fehlgeburt,
1931 Geburt des Jüngsten, 
der nur 48 Jahre alt wurde und in Amerika, als er mit giftigen Farben arbeitete, schwer erkrankte und als Folge dessen Frühzeitig verstarb.
Er wanderte 1957 wegen Unstimmigkeiten mit der Schwiegermutter nach Kanada aus mitsamt Frau und Tochter.
Für meine Nichten, die zwischenzeitlich selbst Töchter haben und sich wahrscheinlich nur schwach an ihre Oma erinnern können, möchte ich aus den Erzählungen meiner Mutter festhalten und weitergeben, da sie in Biebrich – damals noch nicht zu Wiesbaden gehörend – die Erste war, die sich von ihren langen Haaren - zum entsetzen ihrer Mutter - trennte. Bubikopf war angesagt und sie war dabei! Keine Bedenken hatte sie, ganz in lila zum Standesamt zu gehen. Von ihr habe ich wohl auch diese Seite geerbt, die Umgebung mal zu schocken. So färbte ich mit 15 Jahren alte Seidenstrümpfe meiner Mutter in grün ein, um so zur Schule zu gehen. Keiner machte es nach. Es dauerte noch 50 Jahre bis dieser Gag als Mode/ allgemein akzeptiert wurde, ob meine Mutter gegen diesen Fimmel Einwände hatte? Ich glaube nicht, denn das wäre mir sicherlich in Erinnerung geblieben.
Also liebe Nichten, vielleicht haben eure Töchter etwas von Großtante oder Urgroßmutter geerbt. Regt euch nicht darüber auf. Es legt sich mit dem Älter werden oder sie bleiben „Paradiesvögel“, die die Welt ein wenig aufmischen.
Übrigens eine Grosstante von mir verliess im jugendlichen Alter ihr Elternhaus im Westerwald und ging nach Paris. Sie soll das schwarze Schaf der Familie gewesen sein.
Im Nachhinein gesehen war mein Vater ein Egoist. Heute würde man sagen „Macho“, der die Familie recht knapp hielt und für sich den grösseren Teil des von ihm verdienten Geldes verbrauchte. Meine Eltern führten eine Wochenend – ehe. Er war gut aussehend und den Erzählungen meiner Mutter nach, sollen sich die Frauen (teilweise Angestellte aus der Billardhalle, die meine Eltern im Jahre 1934 eröffnet hatten) um ihn geschlagen haben. Da diese Art Geschäfte stets nur eine Zeitlang gut liefen, wechselte er von einer Stadt zur anderen bis er zur Erkenntnis gekommen war, dass es besser sei, eine Stelle als Versicherungsvertreter anzunehmen. Nun war er noch seltener zu hause.
Dunkel habe ich noch in Erinnerung, dass sich meine Mutter aus Eifersucht und Ratlosigkeit – oder was auch immer – sich mit Gas vergiften wollte. Sie überlebte, sie hat nie mit mir darüber gesprochen, aber mein ältester Bruder konnte sich besser als ich daran erinnern. Es hat wohl sehr sein Eheleben geprägt.
Nach seiner Rekrutierung verfügte meine Mutter zum ersten mal in ihrem Leben über genügend Haushaltsgeld.
Vater Staat rechnete nach dem letzten Einkommen ab und danach bekam er %tual seinen Anteil. Alles andere ging an die Familie. Nach dem Krieg kehrte er nicht zurück. Vermisst in Berlin, wo er die meiste Zeit des Krieges stationiert war. Zu dieser Zeit kümmerte er sich sehr um die Familie. Wöchentlich kam ein Paket mit Kommissbrot, teilweise natürlich angeschimmelt, was herausgeschnitten wurde und weil er bei den Scheinwerferbatterie Selbstversorger war, kamen stets Knochen und Fleischreste mit. Wir mussten also nicht hungern. Ein Gemüsehändler als Nachbar, der das Lazarett versorgen musste, überlies uns genügend Obst und Gemüse, weil meine jüngeren Brüder beim abladen halfen.
08.Mai 1945, mein Geburtstag und Kriegsende.
Ich hatte vom 01.04.1944 – 01.04.1945 mein Pflichtjahr auf einem großen Rittergut absolviert. Diesen Platz hatte ich mir selbst ausgesucht, weil ich über das Leben in einem Gutshof gelesen hatte und ich das total romantisch fand. Die Wirklichkeit sah anders aus. Aber die Erfahrungen die ich dort gesammelt habe, prägten mein weiteres Leben. So machte ich 1944 erstmals die Erfahrung, dass Ausländer keine schlechteren Menschen waren, als wir Deutsche. Mein Vater – Hitlerhörig –
War da ganz anderer Meinung. Er sah sich schon als Großgrundbesitzer in Russland. Gott sei Dank kam es anders. Am 01.04. 1944 also fing mit mir auf dem Rittergut eine junge Russin an, die beim Rückzug der Deutschen Soldaten aus Russland, um Bestrafungen ihrer Landsleute zu entgehen, mit der Kompanie die nach Frankreich verlegt wurde, mitgegangen waren. Es waren 7 Mädchen, die man zunächst bis Frankreich mitgenommen hatte und als es dort zur Invasion kam, nach Deutschland auf verschiedene Güter verteilte. Meine Chefin bat mich, recht nett zu ihr, der nunmehr Heimatlosen, zu sein. Wir freundeten uns an, was ich nicht zu bereuen hatte. Mit 16 wurde ich von ihr aufgeklärt wo die Kinder herkommen. Meine Mutter war der Meinung ich wüsste alles. Ihre Aufklärung hatte darin bestanden, - als ich mit 12 entsetzt von der Toilette kam und weinte – „jetzt hast du die Fähigkeit Kinder zu bekommen“. Und später stets nur der Hinweis: Komm mir nicht mit einem Kind nach hause. Das war´s.
Und so wie mir erging es wohl vielen Jugendlichen bis in die 50iger bzw. 60iger Jahre.
. Weiter Nächste Seite
|