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Am 08. Mai 1945 – wir waren zwischenzeitlich besetzt von den Amerikanern, bekam ich Besuch von meiner russischen Freundin Sina Ida Saukina mit einem Pfund frischer Butter, die sie sich beim Buttern auf dem Gut beiseite geschafft hatte. Nach Kriegsende konnte man sie dafür ja nicht mehr bestrafen.
Im Juni 1945, alle arbeitslosen Jugendliche wurden zur Feldarbeit eingeteilt.
Die Amerikaner übergaben Russland einen Teil von Mitteldeutschland, die nichts besseres zu tun hatten, als in sämtlichen Betrieben die Maschinen und Werkzeuge zu beschlagnahmen und nach Russland abzutransportieren. Die fähigsten Männer, die während des Krieges die Maschinen am Laufen gehalten hatten, bekamen Marschbefehl nach Russland, meist mit ihren Familien. Viele davon kamen nie mehr zurück; ein Teil davon, als es endlich möglich wurde. Sie sind bis heute diejenigen denen man nicht nur die Jugend sondern das gesamte Leben kaputt gemacht hat. Bis zum heutigen Tag werden sie und ihre Nachkommen bestraft für einen Krieg und seine Folgen, die sie nicht zu verantworten haben. Ich denke dabei an die Häme und den Neid , der ihnen in ihrer früheren Heimat entgegengebracht wird, wenn sie es dann mit viel Mühe und Einsatz zu einer Wohnung und Arbeit geschafft haben.
Neid ist ein schlimmer Feind der Unglück und Krankheit nach sich zieht. Wir wünschen uns doch alle Gesundheit, also ist es ein muss, das Neidgefühl, falls vorhanden, zu bekämpfen. Dies ist ein Kampf der sich wirklich lohnt!
Nach dem Krieg kehrt der Vater nicht zurück. Er galt ja als vermisst in Berlin. Viele Tausende ließen in den letzten Kriegswochen noch ihr Leben für einen Wahnsinnigen.
Der älteste Sohn Günter blieb aus Angst vor den Russen im Westen. Er hatte sich noch im letzten Kriegsjahr zur Waffen SS freiwillig von der Schule aus gemeldet. Meine Mutter stand mit drei pubertierenden aufsässigen Kindern allein da. Zum Glück hatte sie einiges gespart – was konnte man denn sonst mit dem Geld – es gab ja nichts.
So nahm sie das Angebot einer benachbarten Geschäftsfrau gerne an, einige Stoffballen für Mantel, Anzüge und Kostüme zu kaufen. Sie rechnete ja fest damit, dass unser Vater zurückkehren würde. 1945 nach Kriegsende wurden die Geschäfte von den ehemaligen ausländischen Gefangenen, die zum Arbeitseinsatz nach Deutschland mussten, geplündert. Der Kauf der Stoffballen sollte 1947 für meine Mutter zum Verhängnis werden. Dabei hat sie alles versucht, für ihre halbwüchsigen Kinder eine ordentliche Arbeit - bzw. - Lehrstelle zu finden. So sorgte sie dafür, das ich von der Feldarbeit befreit wurde, in dem sie mir eine Stelle bei der Volksbank in Bernburg besorgte, ausser meinen Handelsschulabschluss und Pflichtjahr hatte ich ja noch nichts vorzuweisen. Aber wie das in dem Alter wohl so ist, die Tätigkeit dort gefiel mir nicht. Laufmädchen - Arbeit! Ich war doch zu etwas höherem auserwählt! Nun, ich nahm mir eine Freistunde und ging zum Landesarbeitsamt. Und ich kündigte meine Stelle bei der Volksbank. Hintergedanke war natürlich, wenn ich von zu Hause weg bin, kann ich tanzen gehen so viel und so oft ich will. Dies war natürlich beim Bauern als Magd auch nur zum Wochenende möglich. 3 Monate hielt ich es beim ersten Bauern aus. Einfach zu schmutzig. Die Bäuerin kämmte sich die Haare nur ein mal wöchentlich und so sah auch alles andere ringsherum aus. Aber nach Hause ging ich partout noch nicht, obwohl mich meine Mutter anflehte. Ich wechselte erst noch mal in ein Nachbardorf, bevor ich dann zum Jahresende endgültig die Nase von der Landwirtschaft voll hatte. Diese Tätigkeit hatte allerdings auch sein Gutes. Wenn man 1946/47 Bauern kannte, durfte man wenigstens auf den Feldern nach- stoppeln und bekam auch schon mal Kartoffeln und Eier.
Während ich zwischenzeitlich zur Vernunft gekommen war und nun beim Landratsamt in Bernburg/ Saale eine Stelle im Büro erhalten hatte, hielten meine Brüder nicht viel von Arbeit. Sie bevorzugten Diebstähle und Schwarzhandel. Nicht die Nase rümpfen. Es gibt keine Ehrlichkeit unter den Menschen. Und die am lautesten schreien, sei es über Politiker oder Nachbarn, sollten sich sämtlich an ihre eigene Nase fassen und in sich gehen. Nun die Art und Weise, wie meine Brüder das Leben meistern wollten, führte letztendlich zur Verhaftung des mittleren Bruders sowie meiner Wenigkeit und meiner Mutter. Mein jüngster Bruder war im Westen untergetaucht.
Es war Samstagmittag, als ich von meiner Arbeitsstelle auf Umwegen, weil ich noch beim Metzger war, nach Hause kam. Dort waren russische Offiziere dabei, die gesamte Wohnung auf den Kopf zu stellen. Sämtliche Schränke waren auf dem Fussboden entleert worden. Besonders peinlich war es mir weil ich einen Offizier vom Landratsamt her kannte. Ich arbeitete damals in der Wirtschaftsabteilung und wir mussten mit den Russen zusammen arbeiten.
Wir mussten alle drei unser Bettzeug nehmen und zu Fuss zur Kommandantur gehen. Das hiess: durch die Hauptstrasse, in der meine Eltern mehrere Jahre ein Geschäft geführt hatten, abgeführt wie Schwerverbrecher. Es war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Mein jüngster Bruder war gewarnt worden und im Westen abgetaucht. Bevor wir nach Halle zum Roten Ochsen, so nannte man das dortige Zuchthaus, gebracht wurden, mussten wir eine Nacht in der russischen Kommandantur und noch eine Nacht in deutscher Untersuchungshaft verbringen.
In der Kommandantur hatte ich Glück, das der wachhabende Soldat, der als Gefangener in Deutschland gelebt hatte, mich vor übergriffen (Vergewaltigung) seiner Kameraden bewahrte. Der Zustand in der Zelle bei der deutschen Polizei kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Es war dunkel, schemenhaft konnte ich drei betten erkennen, wovon zwei belegt waren. In das dritte Bett hatte man hineingesch........ Es war ekelhaft, Gott sei dank nur eine Nacht. Am nächsten Vormittag, ging es ab nach halle. Jeder kam in eine Einzelzelle von 1qm und einer schmalen Bank, auf der man nicht sitzen konnte. Zum Glück hatten wir ein Federbett dabei. Es war Oktober, weit oben ein geöffnetes nicht zu schliessendes Fenster. Ich höre noch heute den schrillen Schrei meiner Mutter, als sie in ihre Zelle geführt wurde. Entsetzlich! Ich kam am anderen Morgen nach der Einkleidung, und Wegnahme aller eigenen Dinge einschliesslich Bettzeug in eine Zweibett - Zelle, die ich nun mit einer Chemnitzerin teilen musste. Für sie war ich ein Lichtblick, denn sie war ein regelrechtes Wrack. Jede Nacht wurde sie mehrmals zum Verhör geholt. Wegen angeblicher Spionage. Später erfuhr ich, das sie 10 Jahre absitzen musste. Ihre Eltern waren Nazis gewesen und ihr Ehemann wohl auch. Weder ihre Eltern noch ihre Tochter wussten, wo sie geblieben war, denn man hatte sie vom Arbeitsplatz weg verhaftet. Nach meiner Entlassung habe ich dann den Verwandten in Chemnitz Bescheid gesagt.
Ich wurde nach dem ersten verhör, das wegen der Oktoberfeierlichkeiten erst nach 14 tagen stattfand, entlassen, mit der Auflage, niemanden zu erzählen, wo ich war und was ich gesehen und erlebt habe. Gleichzeitig bekam ich ein Schreiben, dass mir wegen Inhaftierung keinerlei Schwierigkeiten bzw. Nachteile in den Weg gelegt werden durften. Dieses Schreiben liess ich mir in einem Übersetzungsbüro übersetzen. Es war ausschlaggebend, das ich noch nicht in den Westen wechselte. Das Landratsamt, die mir gekündigt hatten gemäss Militärgesetz, mussten mich wieder einstellen. Ich wurde allerdings in eine andere Abteilung versetzt, in der man von den Geschehnissen nichts wusste.
Die Wohnung war von den Russen konfisziert worden. Meine Mutter war zu 7 Jahren wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht und mein Bruder zu 10 Jahren verurteilt worden. Sie hatten beide nach 2 ½ Jahren das Glück unter die Weihnachtsamnestie zu fallen.
So, nun stand ich da, ohne Wohnung, Mobiliar, und Kleidung. Ich bekam ein Zimmer in einer beschlagnahmten Wohnung eines PGs mit anderen Flüchtlingen zusammen zugewiesen. Zwei Schulfreundinnen und das Landratsamt sorgten dafür, das ich das notwendigste an Mobiliar erhielt. Es war das Jahr 1947, ich ganze 19 Jahre alt und im Gegensatz zur heutigen Jugend naiv und vertrauensselig. Mit 16 Jahren hatte ich noch geglaubt, von einem Kuss bekäme man ein Kind und die Geburt würde sich durch den Nabel vollziehen.
Arglos ging ich auch zur Wohnung eines verheirateten Vorgesetzten, der die Abwesenheit seiner Frau benutzte, um mir die Unschuld zu rauben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich war zu ihm gegangen, weil er mir einen Kohle - schein geben wollte. Mit zerrissenem Kleid machte ich mich auf den Heimweg. Und es gab niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können. Ich schämte mich so sehr
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